Hallo,
Guido schrieb:
Muss man den Grenzwert von 20 mg/l CO2 als unumstößliche Grenze betrachten oder nicht?
Du schneidest ein heißes, bis zum Blut diskutiertes Thema an. Der "Grenzwert" von 20 mg/l ist eigentlich kein "echter". Man hat sich nach zähem Ringen, vor allem am Grünen Brett von Dennerle, darauf geeinigt, richtlich glücklich ist man damit aber nicht. Manchen Pflanzenfreaks ist er zu niedrig, manchen Fischfreaks zu hoch.
Ich persönlich halte diesen Wert jedoch für Pflanzen vollkommen ausreichend. Viele Pflanzen kommen noch mit viel weniger zurecht. In meiner Garnelenpfütze ohne CO2-Düngung und pH-Werten von 8 bis 8,5 muß ich zweiwöchentlich lichten, damit den Garnelen noch etwas Schwimmraum bleibt.
In John T. O. Kirk's "Light and Photosynthesis in Aquatic Ecosystems" ist eine Untersuchung über die Photosyntheserate von Cabomba vorgestellt. Sie ist eine der ganz wenigen Pflanzen, die selbst höchste Beleuchtungsstärken von tropischer Vollsonne, die im Aquarium nie und nimmer vorkommen, noch in Photosyntheseaktivität umsetzen können. Allerdings genügen ihr dabei ein CO2-Gehalt von um 10 mg/l. Bei geringeren, aquarienüblichen Beleuchtungsstärken reichen der Pflanze bereits 5 mg/l, ein darüber hinausgehender CO2-Wert führt zu keiner weiteren Steigerung der Photosyntheserate. Ein in die gleiche Richtung weisender
Artikel von Prof. Pedersen (Tropica) wird leider nicht selten von den CO2-Freaks, und von Pedersen selber missinterpretiert. Eigentlich zeigt der Artikel sehr schön, daß eine Steigerung der CO2-Gehalts über einen bestimmten Wert hinaus zu keiner nennenswerten Zunahme des Wachstums von Riccia mehr führt. Trotzdem wird der Artikel von manchen Pflanzenaquarianern gerne herangeführt, um hohe CO2-Gehalte zu rechtfertigen. Zudem ist Pedersens Artikel ein flammender Appell gegen monokausales Denken - was leider in der Aquaristik weit verbreitet ist.
Fische mögen kein CO2. Gerade die Situation in stark beleuchteten, hoch CO2-versorgten Aquarien stellt den armen kleinen Organismus vor große Probleme. Da Fische ihre Atemaktivität im Gegensatz zu Säugetieren anhand des Sauerstoffgehalts im Blut regulieren, führt die Situation in solchen Aquarien dazu, daß der arme Fisch aufgrund des hohen Sauerstoffgehalts wenig atmet, damit aber wegen des gleichzeitig hohen CO2-Gehalts des Aquarienwasser sein CO2 im Blut nicht mehr richtig ans Wasser los wird. Der arme Fisch gerät in Atemnot, ohne daß er dafür äußere Anzeichen zeigt (Stichwort "respiratorische Azidose").
Ich bin nicht gegen CO2-Zufuhr. CO2-Düngung vereinfacht, ja ermöglicht teilweise erst Einrichtung, Pflege und Standhaftigkeit von Aquarien, deren Hauptaugenmerk auf den Pflanzen liegt. Ich betreibe selber ein Aquarium mit CO2-Düngung, und ich bin sicher, ohne CO2-Zufuhr würde es sich nicht halten. Allerdings wird der tatsächliche CO2-Bedarf unserer Wasserpflanzen oft weit überschätzt, und ich wehre mich dann dagegen, wenn unbekümmert und unbelegt behauptet wird, solche hohe CO2-Gehalte wären unbedingt notwendig. Das sind sie nicht.
Viele Grüße
Robert